22.08.23 - Über liebevolle Führung
Das Wort "Führung" hat besonders in deutschsprachigen Gebieten einen bitteren Beigeschmack. Es erinnert an frühe Zeiten, wo die wenigsten unter uns noch einmal hinwollen.
Und trotzdem verwende ich gerne dieses Wort. Es zeigt auf jene Person einer Gruppe, die die Verantwortung zum Gelingen übernimmt und deshalb die letztendliche Entscheidung trifft. WIE sie das macht, das gilt es zu reflektieren, aber DASS sie es macht, das ist unabdingbar.
Wenn ich von Führung in der Familie spreche, veranschauliche ich das Gesagte gern mit dem Bild vom Auto (hier in Finnland allerdings verwende ich auch manchmal das Bild vom Schiff - je nach Person, die vor mir sitzt). Jeder Sitz im Auto ist von einem Familienmitglied besetzt. Da gibt es Erwachsene, mindestens einen, oft zwei, und dann gibt es die Kinder, eins oder mehrere. Ein Ausflug steht an.
Wer setzt sich ans Lenkrad?
Genau, einer der Erwachsenen.
Im Familienalltag ist das allerdings nicht immer so klar. Da scheuen wir uns oft, getrieben vom falschen Verständnis von Autorität, von der Angst vor Konflikten oder von der Angst, sich unbeliebt zu machen, das Lenkrad in die Hand zu nehmen. Und wir versuchen stattdessen, durch Fragen und versteckte Manipulation die Kinder dazu zu bewegen, zu tun, was wir wollen. Das kann nur schief gehen. Warum?
Weil sich dann eines der Kinder ans Lenkrad setzt. Nicht, weil es das möchte, sondern weil es das muss. Jemand MUSS ja lenken. Aber was passiert mit einem fahrenden Auto, wenn ein Kind es steuert? Mit Sicherheit nichts Gutes. Auch wenn wir ihm noch so gut zureden.
Wie kann also eine respektvolle, liebevolle Führung in der Familie ausschauen?
Erstens einmal ist es gut, wenn ein Erwachsener den Platz am Lenkrad einnimmt. Warum? Der Erwachsene hat mehr Lebenserfahrung, kann die Konsequenzen von Entscheidungen besser abschätzen und bezahlt, wenn es etwas zum Zahlen gibt. Ja, das ist kein unwesentlicher Punkt. Ich möchte entscheiden, was mit meinem von mir verdienten Geld passiert.
Es gibt eine ganz einfache Regel, die ganz viel viel leichter macht.
Wenn eine Entscheidung in der Familie ansteht ("Mama, ich möchte dieses Schwert haben!"), dann darf ich in mich hineinspüren. Möchte ich das, fühlt sich das gut an, oder möchte ich das nicht? Und dann braucht es kein "Aber du hast doch schon so viele Spielsachen zu Hause!" oder auch kein "Mit dir kann ich nie in ein Geschäft gehen, ohne dass du gleich was willst!" oder "Hör auf mit der ständigen Bettlerei!" oder "Wieso kannst du nicht einfach einmal zufrieden sein mit dem, was du hast?".
Es braucht ein JA (weil es sich für mich gut anfühlt, meinem Kind eine Freude zu machen und weil ich es mir leisten kann) oder ein NEIN (weil ich keine Lust habe in dieses Spielzeug zu investieren).
"Nein, mein Lieber, das möchte ich nicht kaufen." Ein liebevolles, klares Nein ohne schlechtes Gewissen, ohne Anschuldigung, ohne Erklärungen und ohne Entschuldigungen. Ein Nein nicht im Nebenbei sondern mit aller nötigen Zugewandtheit ist ein großes Geschenk an unser Kind. Warum?
- Ich zeige mich und meine Grenzen und es lernt mich dadurch kennen.
- Es erfährt die Begrenztheit der Möglichkeiten.
- Es bekommt die Möglichkeit, mit unangenehmen Gefühlen umgehen zu lernen.
- Ich tue mir selber Gutes, weil ich mich ernst nehme und ich dadurch nicht gegen mich selbst entscheide und mir so das Leben erschwere.
Die Chance, dass mein Nein nicht mit Freude oder zumindest Verständnis aufgenommen wird, ist relativ hoch. Aber das ist ja auch ok. Ein Kind muss nicht immer einverstanden sein mit meinen Entscheidungen. Es darf mir zeigen, dass es mein Nein blöd findet. Es liegt dann an mir, dieses Gefühl auf erwachsene, verantwortungsvolle Weise zu begleiten.
Ich möchte gerne über ein kürzlich erlebtes Abenteuer schreiben.
Kalle und ich waren im Kajak unterwegs. Wir wollten zu einem Strand paddeln, der für unsere Beziehungsgeschichte eine besondere Bedeutung hat. Der Wind war gut spürbar. Die Sonne hat gescheint. Das Meer überall. Alles war gut.
Bis der Wind stärker geworden ist. Und die Wellen höher.
Ich muss dazu sagen, dass ich mich auf und im Wasser nicht sehr kompetent fühle. Ich kann schwimmen, aber ich kann nicht tauchen und ich habe auch noch nie geübt, wie es ist, aus dem Kajak zu fallen. Nein, das ist nicht leichtsinnig, weil ich ja nur ins Kajak steige, wenn die wetterlichen Vorraussetzungen passen.
Gut, hier haben die wetterlichen Vorraussetzungen gepasst. Objektiv. Subjektiv war es aber etwas völlig anderes. Die kleinen Wellen, die da fröhlich ans Kajak geplätschert sind, haben sich in meinem Kopf in Riesenwellen verwandelt. Der Wind wurde zum Sturm. Und zu allem Überfluss entdeckte ich unter mir plötzlich riesige Felsen, an die ich wirklich nicht krachen wollte. Was passiert mit einem Kajak, das auf einen Stein fährt? Keine Ahnung. Und ich wollte es auch gar nicht wissen. Kalle war irgendwo da vorne. Gut. In mir stieg langsam Angst hoch. Aber mit Konzentration kam ich gut an den Felsen vorbei und schloss auf zu Kalle. Wenn ich ängstlich werde, zeige ich, dass ich grantig bin. Also war ich grantig mit Kalle und sagt, dass das ein totaler Blödsinn ist hier und dass ich Angst habe und dass er nicht einfach so abhauen kann. Und so weiter und so weiter.
Was hat mein lieber Kalle da gemacht?
Er hat mich gefragt. Er hat gefragt: Möchtest du zurück paddeln? Sollen wir noch da vorne an der Landzunge vorbeipaddeln?
Das war sehr nett gemeint, und hat genau gar nichts geholfen. Ganz im Gegenteil. In der Intensität meiner Gefühle war es mir unmöglich, zu sagen, was ich wollte oder was wir tun sollten. Und ich sagte zu ihm: "Kalle, ich kann das jetzt nicht. Übernimm du!" Und das hat er dann getan. Er ist voraus gepaddelt, hat einen Weg durch die Felsen gesucht zu unserem Strand, und ich bin ihm nachgepaddelt, voller Vertrauen, blind auf mein Kajak und auf ihn vor mir fokussiert.
Zurück das gleiche Spiel. Er voraus. Ich hinten nach. Und alles war gut.
Warum erzähle ich diese Geschichte? Weil ich finde, dass diese Geschichte die unterschiedlichen Facetten von Führung sehr gut veranschaulicht.
Ich spreche zum einen von Führung bei Entscheidungen, die die ganze Familie oder einen Teil der Familie betreffen, und zum anderen von Führung als stabilisierende Maßnahme in herausfordernden Situationen.
Wir tun unseren überforderten Kindern keinen Gefallen, wenn wir versuchen, sie mit Fragen nach ihren Wünschen beruhigen wollen.
Woran erkennen wir, dass unser Kind überfordert ist? Meist ganz einfach an ihrem ausufernden Verhalten.
Als Beispiele seien hier folgende genannt:
- Es schlägt jemanden.
- Es macht Dinge kaputt.
- Es reißt sich selber an den Haaren.
- Es macht Chaos am Essenstisch.
Wie wir alle wissen ist Verhalten eine Form von Kommunikation und wenn unsere Kinder so "überschießen", heißt das übersetzt oft nichts anderes als "Mama. Papa. Bitte hilf mir. Ich kann damit nicht umgehen. Es ist mir zu viel."
Ungefähr so wie ich im Kajak, wo ich grantig werde, obwohl ich eigentlich Angst habe.
Mit welcher Einstellung, ich nenne das "Haltung", ich an die Situation herangehe, ist ausschlaggebend.
Belle ich befehle, baue ich auf Angst. Es wird sich langfristig nichts ändern, niemand hat etwas gelernt und die Beziehung zwischen meinem Kind und mir leidet darunter.
Frage ich ganz viel im Sinne von "Was möchtest du jetzt tun?", "Was brauchst du jetzt?" bin ich nicht empathisch, wie ich vielleicht hoffe, ich zeige vielmehr meine eigene Überforderung. Das wirkt destabilisierend. Außerdem überlasse ich es dem Kind, die Lösung zu finden. Wie war das noch mal mit dem Kind am Lenkrad?
Beziehe ich hingegen Stellung und zeige mich selbst, indem ich klar meine Gefühle zeige und meine Grenzen, ist schon mal viel gewonnen. Und wenn ich dann auch noch in die Verantwortung gehe im Sinne von: "Ok, ich übernehme das. Gib mir deine Hand. Ich bin da. Ich führe uns da raus, egal wie lange es dauert.", dann, ja, was passiert dann? Vielleicht etwas Gutes. Weil, merkst du, wie entlastend dieser Satz sich anfühlt?
Es ist nicht immer leicht, der oder die Erwachsene zu sein.
Aber wir dürfen es lernen. Gemeinsam mit unseren Kindern.
Pfiat enk und Hej då -
d' Birgit

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