24.09.23 - Was wäre, wenn...
Ein Dialog zwischen zwei Müttern:
A: Jetzt weiß ich nicht, was ich tun soll. Die wollen die Dosis steigern. Die Medikamente ermöglichen es ihm zwar, sich zu konzentrieren und zu lernen. Aber sie machen ihn unglücklich und dämpfen ihn. Ich erkenne ihn fast nicht wieder. Im November haben wir wieder einen Termin.
B: Das klingt ja schrecklich! Ich weiß gar nicht, was ich darauf sagen soll.
A: Du kannst ja auch gar nichts sagen. Der deine hat ja selbst Probleme, nicht? Bekommt er eigentlich auch Medikamente?
B: Was? Meiner? Nein! Wie kommst du denn darauf?
A: Na, so schüchtern wie der ist. Der traut sich ja nicht einmal den Kopf zu heben, wenn irgendwo Menschen sind. Geschweige denn, eine Antwort zu geben, wenn man ihn was fragt. Und immer sitzt er irgendwo alleine herum. Der bräuchte doch schon auch Hilfe, nicht?
B (bekommt nasse Augen): Die Kindergartentante hat mich auch schon darauf angesprochen. Aber was soll ich denn tun? Ich kann ihn ja nicht zwingen zu reden und zu schauen und zu spielen mit den anderen! Ich sags ihm ja eh immer wieder, aber es hilft nichts. Vieles wächst sich doch aus mit der Zeit.
A: Ich habe wo gelesen, dass man so früh wie möglich das Kind fördern und unterstützen soll. Sonst wirds später nur noch schlimmer und das Problem noch größer. Das ist doch Fahrlässigkeit, wenn wir das Kind mit seinen Problemen alleine lassen!
B: Vielleicht hast du Recht. Was soll ich denn nur tun?
A: Es gibt viele Therapeuten. Und Ärzte. Wer weiß, vielleicht ist er ja Autist oder er ist hochsensibel? Ich würde das auf jeden Fall abklären lassen. Man weiß ja nie. Und wenn man es dann weiß, dann weiß man es wenigstens und man kann was tun.
Was macht B jetzt?
Und inwieweit befindet sich das Lebens ihres Kindes genau jetzt an dieser Stelle an der so oft zitierten Wegscheide?
"Wohin geht die Fahrt, wohin die Reise? Nimm mi bitte ned mit, Kapitän!" (STS)
Und wieder einmal stelle ich mir die Frage: Was wäre, wenn...?
Was wäre, wenn wir von jetzt an aufhören würden, den Menschen um uns herum zu sagen, wie sie zu sein haben?
Was wäre, wenn diese Übergriffigkeiten und diese Grenzüberschreitungen ein für alle Mal beendet werden würden?
Stell dir vor:
Der Mann hört auf, seiner Frau zu sagen, was sie im Leben tun soll und was nicht.
Die Frau hört auf, ihrem Mann zu sagen, was er anziehen soll.
Der Lehrer hört auf, den Eltern zu sagen, wie ihr Kind zu sein hat.
Die Nachbarin hört auf, mit bedeutungsvollem Blick ihren Kopf zu schütteln, wenn sie in den Garten ihres Nachbarn schaut.
Das erwachsene Kind hört auf, seiner alten Mutter zu sagen, was sie an ihrem Leben ändern muss, damit es noch eine Zeit lang geht.
Der Staat hört auf, dem Menschen vom anderen Land zu sagen, was er mitzubringen hat, um als vollwertiger Mensch behandelt zu werden.
TikTok hört auf, den älteren Kindern oder den jungen Erwachsenen zu sagen, was sie tun müssen, um dabei zu sein.
Die Werbung hört auf, den Frauen zu sagen, wie sie auszuschauen haben.
Von jetzt an.
Wir messen uns ausschließlich an uns selbst.
Wir sprechen von uns, unseren Wahrnehmungen, Gefühlen und Bedürfnissen.
Wir haben den Mut, uns zu zeigen anstatt uns hinter Anweisungen zu verstecken.
Wir haben den Mut, Verantwortung für unser eigenes Leben zu übernehmen anstatt den / die anderen die Schuld an meiner Misere in die Schuhe zu schieben.
Bedürfnisäußerung statt Anweisung.
Würde sich etwas ändern? Und wenn ja, was?
Ich weiß es nicht.
Aber...
Vielleicht würde der Mann zu seiner Frau sagen: Liebe Margaretha, für mich ist Sicherheit und Geborgenheit total wichtig. Als Kind war meine Mama immer zu Hause. Das hat sich schön angefühlt. Ich bin sehr froh, dass wir beide eine Beziehung auf Augenhöhe führen. Aber ich habe Angst, wenn ich sehe, dass du deinen Fokus so viel bei deiner Arbeit hast. Ich habe Angst, dass du dann vielleicht irgendwann aufhörst, mich zu lieben. Können wir bitte darüber reden?
Oder vielleicht würde die Frau zu ihrem Mann sagen: Mein lieber Franz, du weißt, wie sehr mir meine Kleidung wichtig ist. Nicht nur der Stil, auch, dass sie sauber ist, wenn ich damit rausgehe. Mit Kleidung kann ich kommunizieren. Ich kann mich immer anders zeigen. Ich weiß aber auch, dass das bei dir anders ist. Als wir gestern beim Konzert waren, hattest du deine Jeans angezogen gehabt und das schwarze Hemd. Es hatte einen Fleck mitten auf der Brust. Ich habe nichts gesagt, weil ich wollte nicht oberflächlich wirken. Ich wollte dir zeigen, wie entspannt ich geworden bin. Aber ich war überhaupt nicht entspannt. Ich habe mich geschämt. Und dann habe ich mich wiederum geschämt, dass ich mich geschämt habe. Und du hast nicht einmal etwas gemerkt, weder von deinem Fleck noch von meinen Gefühlen. Können wir bitte darüber reden?
Oder vielleicht würde der Lehrer zu den Eltern einer Schülerin sagen: Liebe Frau Meier, lieber Herr Meier. Danke, dass Sie heute gekommen sind! Mir ist es sehr wichtig, dass Ihre Tochter sich wohl fühlt hier in der Klasse, da ich weiß, dass man nur dann gut lernen kann, wenn man entspannt ist und mit Freude dabei ist. Ich möchte gerne eine gute Arbeit machen. Bitte, erzählen Sie mir, welchen Eindruck haben Sie? Wie geht es ihrer Tochter in der Schule? Was kann ich ändern, dass es Ihrer Tochter (noch) leichter fällt, hierher zu kommen?
Wenn wir so oder so ähnlich in den Dialog miteinander treten würden, was wäre anders?
Vielleicht würden wir uns selber und uns gegenseitig besser kennenlernen.
Vielleicht müssten wir weniger raten und interpretieren und reagieren.
Vielleicht würden wir mutiger werden.
Vielleicht wären wir weniger gestresst.
Vielleicht müssten wir weniger Symptome entwickeln.
Vielleicht wäre das Miteinander insgesamt offener und ehrlicher und somit lebendiger und beweglicher.
Vielleicht ginge es uns leichter von der Hand, einfach zu sein, wer wir sind. Mit uns selbst und miteinander.
Wäre es einen Versuch wert?
Vielleicht...
Ich für meinen Teil ziehe mich für cirka einen Monat in mein Leben zurück.
Habts es fein derweil und schauts gut auf euch!
Pfiat enk und Hej då -
d' Birgit

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