31.05.23 - Über den Tod

Fein ist es hier bei uns. Wohlig. Sicher. 
Unser Platz ist wie eine Oase in diesem Wahnsinn, den man Welt nennt.

So hat das vermutlich auch der Fuchs empfunden. Als wir ihn das erste Mal gesehen haben, ist er auf drei Beinen durch das Blaubeerreisig gewankt. Das Fell war zerzaust. Er ist immer wieder umgefallen. Bis er schließlich nicht mehr aufgestanden ist. Zum großen Stein ist er noch gekrochen, vermutlich, um ein bisschen geschützt zu sein. 

Sehr schnell ist uns klar geworden, dass dieses Tier ein größeres Problem hat als nur einen verstauchten Fuß.
Eine Wildtierauffangstation war so nett und hat uns einen Fuchskäfig geliehen. Wir sollten da Hundefutter reinstellen. Am nächsten Tag wollten sie kommen und ihn mitnehmen. 
Doch dafür war es wohl zu spät. Der Tod war ihm bereits näher als das Leben. 

Zu diesem Zeitpunkt war uns das aber noch nicht bewusst.
Kalle hat ihm Wasser in die Mundwinkel geträufelt. Einmal noch hat er geschluckt.
Kalle hat Hundefutter auf einen Stock gespießt. Einmal noch hat er danach geschnappt. 
Dann nicht mehr. 

Und wir haben gewartet. 

Manchmal habe ich mich hingeschlichen zu ihm. Ganz leise. Ganz vorsichtig. Um ihn nicht unnötig in Angst zu versetzen. Ein einziges Mal hat er mich angeschaut. Mit klarem Blick. Die anderen Male sind seine Augen geschlossen geblieben. Sein Bauch hat sich aber stets gehoben und gesenkt. Das hat mich beruhigt. Er schläft sich Kraft an, so habe ich mir gedacht.

Und wir haben gewartet.

Das letzte Mal, als ich zu ihm gegangen bin, hat sich sein Bauch nicht mehr gehoben und gesenkt.
Er war tot.

Und mit einem Schlag hatten wir es mit einem ganz unheimlichen Gast zu tun. 
Dem Tod.

Wie tut man denn da? 

Der Mann von der Wildtierauffangstation hat seinen leeren Käfig wieder abgeholt und hat gemeint, wir sollten den Kadaver irgendwo eingraben.

Gut. Wir haben uns also auf den Weg in unseren Wald gemacht.
Max mit der Schaufel in der Hand, ich mit dem Spaten und Kalle mit dem toten Fuchs auf der Heugabel.

Es war eine friedlicher Platz, wo Max und ich Hand in Hand gestanden sind und zugeschaut haben, wie Kalle das Grab ausgehoben hat.
Geredet haben wir nicht. 
Die Sonne hat gescheint.
Der Wald um uns herum war voll im Frühlingssaft. Es hat geduftet, gefleucht und gekreucht, dass es nur so eine Freude war. 
Der Wind hat mit meinen Haaren gespielt.
Ein Schmetterling hat sich unsere Versammlung von oben angeschaut. Nur kurz. Dann ist er wieder weitergeflogen.
Und dann war Kalle fertig mit dem Grab.

Mit der Heugabel hat er den Fuchs vorsichtig aufgehoben und anschließend in die Grube gelegt.
Die feuchte, kühle Erde hat ihn zugeckt.
Den ausgehobenen Waldboden haben wir an seinen ursprünglichen Platz zurückgelegt und flachgedrückt, sodass bald fast nichts mehr zu sehen war von dem, was hier gerade eben stattgefunden hat.

Stille.
Unser Atem.
Die Sonne im Gesicht.
Fliegenbrummen.

Schließlich hat Max die Stille gebrochen: "Wenn du stirbst, grabe ich dich nicht ein. Ich lege dich auf die Couch."
Da haben wir uns umarmt. Und gelacht. Und geredet.
Und endlich hat sich unser unheimlicher Gast (der plötzlich gar nicht mehr so unheimlich war) wieder verabschiedet. Vorerst.

Dieser Fuchs ist gekommen, weil er einen Platz gebraucht hat zum Sterben. 
Gut, dass er gekommen ist. Bei uns darf man sterben. In aller Ruhe und mit aller Zeit, die es braucht.



Pfiati, lieber Fuchs!


Und übrigens:
Es ist keine gute Idee, mich auf der Couch zu haben, wenn ich dann tot bin. Tote Körper fangen nach einer Weile zum Stinken an.
Tiere darf man selber begraben im eigenen Wald, mit Menschen darf man das nicht machen. Warum nicht? Weil man gerne schauen möchte, ob der tote Mensch eh nicht umgebracht worden ist. Für Menschen gibt es Friedhöfe.
Nein. Haare sind nicht schädlich für die Natur.
Ja, ich glaube, es ist sicher gut für die Natur, wenn du mich ausziehst, bevor du mich begräbst.
Ja, ich glaube, es war ein guter Platz für den Fuchs, um zu sterben. Wir haben ihn in Ruhe gelassen. Er hat keine Angst haben müssen, selber aufgefressen zu werden, weil er so nahe bei uns war. Und er hat sich Zeit lassen können zum Sterben.
Ja, wir sterben auch irgendwann.
Ja, du stirbst auch irgendwann.
Ja, es dauert noch ganz, ganz lange, bis du alt bist. 
Ja, ich möchte auch total gerne noch total lange leben. 
Ja, Kinder sterben manchmal. Aber dann haben sie entweder eine schlimme Krankheit oder sie haben einen Unfall. Normaler Weise sind Kinder sehr stabil.
Ja, ich lebe gesund und schaue gut auf mich, deshalb ist die Chance, dass ich noch lange lebe, relativ groß. Ich tue alles dafür, mein Lieber.
Ja, es ist gut, wenn der Fuchs vom Waldboden zugedeckt wird. Hier hat er einen feinen, friedlichen Platz.
Ich bin ein bisschen traurig. Ich habe gehofft, er würde es schaffen.
Super Idee! Gemma Fußball spielen!


Ich als Mama bin immer wieder konfrontiert mit neuen, noch nicht gehabten Situationen. So wie diese hier. 
Aber mit Ehrlichkeit, Offenheit und tatkräftiger Unterstützung von meinem lieben Mann war zum Glück bis jetzt immer noch alles gut zu bewältigen.

Pfiat enk und Hej då -
d' Birgit


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