10.06.23 - Das Zeugnis: eine Reflektion

Jedem Touristen, dem ich mit dem Auto begegne, winke ich. Nicht, dass mich einer sehen würde, da ich ja selbst im Auto sitze. Und trotzdem. Jedes einzelne Fahrzeug mit ausländischem Kennzeichen - es sind nicht so viele - verursacht ein freudiges Kribbeln in mir. Es ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Sommer nicht mehr weit sein kann.
Finnland - das Urlaubsland.
Das Wort Finnland klingt nach kleinen, roten Häusern, nach Sauna, nach Seen, Wäldern und Mücken, nach Elchen, nach Innovation, nach eigenwilliger Musik und nach einem der besten Schulsysteme weltweit.
Ja. Echt. Die Welt ist so groß und Finnland so klein. Und trotzdem. Basierend auf PISA-Studien folgt Finnland direkt hinter Südkorea und Japan auf Platz 3.
Ist das schmeichelhaft? Also, was ich von Südkorea so weiß ... ich weiß nicht.

Apropos eines der besten Schulsysteme der Welt.
Letztes Wochenende hatten wir Zeugnisverteilung. Das ist hier in Finnland ein großes Event. Ein mehrstündiges Fest mit Ansprachen, Theateraufführungen, Chorgesängen, Stipendienverteilung, und dann zu guter Letzt - fast ein bisschen nebenbei - die Zeugnisverteilung. Wenn man nach der 6. Klasse in eine höhere Schule wechselt, bekommt man sogar eine rote Rose mit dem Zeugnis überreicht.

Zeugnis. Der Versuch einer Definition: Ein Blatt Papier, das darüber Auskunft gibt, wo sich das Kind mit seinen gelernten Fähigkeiten auf einer Skala von 4 (= sehr schlecht) bis 10 (= sehr gut) im Rahmen der vom Staat vorgegebenen Lernziele befindet. Ausgefüllt von Lehrpersonen. Unterschrieben von der Leitung der Schule.

Ich finde, die Sinnhaftigkeit am jahrzehntelangen Festhalten am Zeugnis darf gerne hinterfragt werden.
Warum?
  1. Das zu beurteilende Kind wird mit einer sterilen Auflistung von zu erfüllenden Punkten verglichen und bewertet. 
    So ähnlich wie bei der jährlichen Autoüberprüfung. Kann es alles, was es soll? Gut. Dann kriegts ein Pickerl (= gute Note). Wenn nicht? Dann kriegts kein Pickerl (= keine gute Note) und muss repariert werden (= Üben, Nachhilfe, Extralernstunden zu Hause, Stress, Druck, usw.).
    Dieser Zugang wird der Komplexität des Menschseins nicht gerecht.
  2. Kinder machen keinen Unterschied zwischen den Noten und dem Wert ihrer Person.
    Eltern leider oft auch nicht.
  3. Eine schlechte Note wirkt nicht motivierend, wie oft behauptet wird, sondern sie nährt vielmehr das Gefühl des Versagens. Darauf möchte ich gern ein bisschen näher eingehen.
    Einer, der versagt, fühlt sich nicht als Teil der Gemeinschaft.
    Wenn man nicht dazu gehört, wird das vom Gehirn als Bedrohung gewertet.
    Laut Gehirnforschung sieht das Gehirn bei Bedrohung drei Überlebensmöglichkeiten:
    Flucht, Angriff oder Erstarrung.
    Ein Gehirn, das mit dem Überleben beschäftigt ist, kann aber nicht lernen.
    Um aber gut und nachhaltig lernen zu können, braucht man, wie von vielen Experten und Forschungen erklärt wird, Begeisterung und Freude.
    Begeisterung und Freude können aber nicht aufkommen, wenn ich Angst vor Versagen habe.
    Ein Teufelkreis.
    Ein guter Ausgang beinahe ein Ding der Unmöglichkeit.
  4. Bei der Beurteilung der jeweiligen SchülerInnen wird nicht die Verantwortung der beteiligten Erwachsenen berücksichtigt.
    Wie gut und wie gern ich lerne, hängt zum sehr großen Teil von der Lehrpersonen ab. Das kennen wir alle aus unserer eigenen Schulzeit.
    In keinem Zeugnis scheint aber je die Beziehungsfähigkeit der jeweiligen Lehrperson auf noch ihre Kompetenz, ein angstfreies und spannendes Lernfeld zu schaffen.
    Beide Dinge sind aber unverzichtbar für gelingendes Lernen. 
Ich wundere mich, warum man nach all den Jahren und trotz besseren Wissens nicht eine geeignetere Möglichkeit gefunden hat, den Kindern und den Eltern ein Feedback zu geben.


Liebe Mama! Lieber Papa!
  • Nimm das Zeugnis deines Kindes bitte nicht so wichtig. Es ist die subjektive Bewertung einer oder mehrerer Lehrpersonen. Und es ist eine Orientierung für dich, wie es deinem Kind in der Schule geht. Nicht mehr und nicht weniger.
  • Verwechsle niemals den Notenwert mit dem Wert deines Kindes.
  • Sei dir bewusst: Die Schule ist nur EIN Ort von vielen, an dem dein Kind lernt. Am meisten lernt es vom Leben, vom Tun, von der Auseindersetzung mit Menschen und verschiedenen Themen, die es interessant findet, also von tatsächlich gemachten Erfahrungen jeglicher Art. Und von dir.
  • Der Tag der Zeugnisverteilung darf gerne eine Festtag in der Familie werden. Man darf dabei auch gerne seine Wertschätzung ausdrücken. Vielleicht so?
    "Liebes Kind. Ich möchte mich bei dir bedanken. Du bist jeden Tag in die Schule gegangen, obwohl es dir oft nicht leicht gefallen ist. Du musst dort ständig die Anordnungen der Erwachsenen und oft auch die Bedürfnisse der anderen Kinder über deine eigenen Bedürfnisse stellen. Danke, dass du da trotzdem mitmachst!"

In diesem Sinne wünsche ich euch und uns einen schönen, befreiten, leichten Sommer.
Bei euch fangen die Ferien auch bald an. Versprochen 😊!

Pfiat enk und Hej då -
d' Birgit






Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

22.08.23 - Über liebevolle Führung

22.10.23 - Abschied

24.09.23 - Was wäre, wenn...