17.06.23 - Über die Strafe
Du verstößt gegen meine Regeln?
Obwohl wir diese besprochen haben und diese zu unseren Regeln gemacht haben?
Du widersetzt dich meinen Anweisungen (Befehlen)?
Du stellst deine eigenen Bedürfnisse über meine?
Ich bin enttäuscht.
Ich bin verärgert.
Ich bin hilflos (was ich nie zugeben würde).
Du stellst mich als Mutter und mich als Vater und mein Wissen von Richtig und Falsch in Frage.
Das darfst du nicht!
Das ist verboten!
Wo kommen wir denn da hin?!
In so einem Fall muss ich durchgreifen.
Ich darf das nicht durchgehen lassen.
Du musst lernen, zu gehorchen.
Auch, wenn du mir das jetzt noch nicht glaubst, ich tue es nur für dich.
Du wirst mir einmal dankbar dafür sein.
Es ist für mich auch nicht nett, aber es geht ja nicht anders.
Ich bestrafe dich.
Nein. Das klingt zu hart.
Ich setze Konsequenzen.
Ich setze dir Grenzen.
Das brauchst du, weil du ein Kind bist.
Wie ich dich bestrafe, das liegt dank meiner Rolle als Erwachsene/r und dank meiner Weisheit in meinem Ermessen.
Es gibt durchaus einige allgemein akzeptierte Alterntiven, um meinem Bedürfnis nach Konsequenz Ausdruck zu verleihen.
- Ich werde laut. Damit hoffe ich, dass du die Wichtigkeit und Richtigkeit meines Ansinnens verstehst (also Angst bekommst) und nachgibst.
- Zimmerarrest. Du gehst in dein Zimmer und bleibst dort so lange, bis du dich wieder beruhigt hast.
- Handyverbot. Du gibst mir dein Handy und ich bestimme, wann du es wieder haben darfst. Das hängt von deinem Willen ab, dich unterzuordnen bzw. zuzugeben, dass ich recht habe und du falsch. Das sage ich dir aber nicht.
- Liebesentzug. Ich bin enttäuscht von dir und ziehe mich von dir zurück.
- Freiheitsentzug. Zu Hause bleiben statt Freunde treffen.
- Bei wiederholtem Fehlverhalten darf ich den Arzt oder den Psychologen einschalten. Nicht, um mir helfen zu lassen, damit ich lerne, mit meinen (Hilflosigkeits-)Gefühlen besser umzugehen, sondern um dir zu helfen. Vielleicht gibt es ja eine Diagnose für dich. Oder Medikamente. Irgendetwas, damit es dir leichter fällt, das zu tun, was ich will.
Schnitt
Kasper, Jesper und Jonathan.
Drei etwas schrullige, leicht tollpatschige und irgendwie sympathische Räuber.
Sie werden auf frischer Tat ertappt (sie stehlen auf ihrer nächtlichen Diebestour gerade Brot in der Bäckerei) und nach einer kurzen Verhandlung werden sie eingesperrt.
Sie werden im Gefängnis freundlich willkommen geheißen, bekommen Blumen auf den Tisch gestellt. Außerdem bekommen sie gutes Essen, Wasser und Seife, um sich endlich einmal waschen zu können und der eiligst einberufene Frisör verpasst ihnen einen neuen Haarschnitt, sodass sie sich endlich wie ganz normale Menschen fühlen können.
Bei einem Dorfbrand dürfen sie ihr gutes Herz und ihren Mut unter Beweis stellen.
Als Dank werden sie aus dem Gefängnis entlassen.
Was sollen sie aber jetzt tun?
Das Dorf braucht unbedingt einen Feuerwehrchef und einen Bäckergehilfen. Und nachdem Jesper sagt, dass er immer schon davon geträumt habe, Zirkusdirektor zu sein, kommt das Dorf zu dem Schluss, dass es genau das war, was ihm immer schon gefehlt hat.
Ende gut. Alles gut.
Warum ich das erzähle?
Weil ich als Mama wieder in solche wunderbaren Geschichten eintauchen darf. Das gönnt man sich ja sonst nicht als Erwachsene.
Seitdem ich und Max diesen Film im Kino gesehen haben, lässt ihn das Thema Strafe nicht mehr los.
Dazu möchte ich eine kleine Episode erzählen.
Es gibt da einen Jungen in Max' Klasse, der macht den LehrerInnen wohl das Leben schwer. Er hat seine eigenen Ideen von einem gelungenen Tag und lässt sich diese auch nicht so leicht austreiben.
Und so fragt Max sich und mich nach diesem Film: "Warum sind die Erwachsenen in der Schule eigentlich nicht nett mit meinem Freund? Wäre es dann für ihn nicht leichter, auch nett zu sein?"
Wie reagiert man darauf?
Man hat zwei Möglichkeiten. Entweder man tut das als kindlich und naiv ab und sagt so etwas wie: "Dein Freund muss eben auch lernen, sich einzufügen.", oder man sagt so etwas wie: "Mhm, vielleicht." und lässt diesen Gedanken in sich hinein und ihn seine Wirkung entfalten.
Meine Gedanken spielen Karussell.
Strafe soll bezwecken, dass sich die bestrafte Person - egal ob Kind oder Erwachsene/r - schlecht fühlt, dass sie ihre Schuld zugibt und dass sie aufgrund dessen ihr Verhalten ändert. Nachhaltig und dankbar.
Einmal angenommen, das stimme.
- Warum gibt es dann eine 78 %-ige Rückfallquote bei Häftlingen in Deutschland (Quelle: Wikipedia 17.6.23)?
- Warum wiederholen Kinder in der Schule ihr Fehlverhalten immer und immer wieder?
- Warum machen Kinder dann, wenn sie nicht unter erwachsener Beobachtung stehen, genau das, was sie nicht sollen bzw. dürfen?
Laut Gerald Hüther, einem deutschen Hirnforscher, hat der Mensch zwei Grundbedürfnisse "eingebaut", die all sein Tun und sein Nichttun lenken.
- Zugehörigkeit: Der Mensch braucht es, akzeptiert und anerkannt zu werden sein. Ich übersetze das mit dem viel gebrauchten Begriff Liebe.
- Entwicklung: Der Mensch muss ich entwickeln, entfalten und ausprobieren. Ich nenne das den Ruf des Lebens.
Diese zwei Grundbedürfnisse sind nicht verhandelbar.
Sie sind schon gar nicht unverschämte Forderungen verwöhnter Gören.
Diese zwei Grundbedürfnisse sind genauso real und Teil des Menschen wie die Lunge, die nach Luft strebt und das Herz, das nach Blut strebt.
Werden diese zwei Grundbedürfnisse gestillt, ist der Mensch gesund und hat das Gefühl, ein gelingendes Leben zu leben.
Was aber, wenn wir uns der Strafe als Reaktion auf ein unerwünschtes Verhalten bedienen? Der Mensch, der bestraft wird, fühlt sich weder zugehörig noch darf er sich entfalten. Ganz im Gegenteil. Sein Bewegungsspielraum wird dramatisch eingeschränkt. Und er wird mit Sicherheit nicht aus Einsicht sein Tun unterlassen.
Ohne von den wissenschaftlichen Forschungen des Herrn Hüther zu wissen, halten sich die Dorfbewohner in dem Film genau an seine ausschlaggebenden Erkenntnisse.
Die drei Räuber erfahren Respekt und Freundlichkeit, sie werden akzeptiert, und sie dürfen sich beruflich einbringen, sie dürfen sich entfalten.
Die Gründe für Diebstahl haben sich in Luft aufgelöst.
Also, ganz so lächerlich ist das eigentlich gar nicht, wenn man sich das genauer anschaut.
Und die Frage von Max lässt sich nicht mehr einfach mit naiv und kindlich abtun.
Was würde sich verändern, wenn wir uns auf die Suche nach Alternativen begeben würden?
Das abschließende Wort übergebe ich gerne Jesper Juul.
Er sagt: Die Angst lehrt Kinder nicht, die Grenzen der Erwachsenen zu respektieren, sondern die Konsequenzen zu fürchten.
Pfiat enk und Hej då -
d' Birgit
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