06.07.23 - Fiktiver Brief einer Jugendlichen an ihre Mutter

Viele Jugendliche und Kinder leiden an psychischen Problemen.
Das finnische Institut für Gesundheit und Wohlfahrt hat im Jahre 2017 (aktualisiert im Jahre 2020) einen Artikel veröffentlicht, welcher von einer erschreckend hohen Zahl von psychisch kranken Jugendlichen spricht. 
Bei Interesse: thl.fi/sv/web/psykisk-halsa/psykisk-halsa/psykiska-storningar/psykiska-storningar-hos-unga.

Demnach haben
  • 20 - 25 % der Jugendlichen eine Form von psychischer Störung,
  • 10 - 15 % der Jugendlichen haben Selbstmordgedanken und
  • 3 - 5 % haben einen Selbstmordversuch hinter sich.

Ich möchte hier einen fiktiven Brief einer fiktiven Jugendlichen an ihre fiktive Mutter veröffentlichen:

Liebe Mama!

"Gratulation! Ein Mädchen!" haben sie gesagt, als ich herausgekommen bin. 
Hauptsache gesund, haben sie gesagt.
Papa hat erwartungsvoll geschaut, dann hat er kaum wahrnehmbar geseufzt.
Und seinen Fokus hauptsächlich auf sein eigenes Leben gelenkt.
Du hingegen hast dich tapfer lächelnd gezeigt.
Mit mir im Arm.
Gut hast du ausgesehen auf den Geburtsfotos.
Obwohl deine Freude keine uneingeschränkte war.
Ich war ein Mädchen. 
Aber immerhin.
Hauptsache gesund, hast du dir gedacht.
Wird schon, hast du dir gedacht.

Und? Wie war die Schule?
Was habt ihr zum Mittagessen bekommen?
Hast du Hausübung?
So oder so ähnlich klingen deine täglichen Interviews mit meinen täglich einsilbigen Antworten. 
Gut. 
Passt schon. 
Ja. 
Das scheint dir zu reichen.
Das macht mich traurig.

Gut, dass die Zeit heute eine andere ist, sagst du.
Heute macht man ja keinen Unterschied mehr zwischen Junge und Mädchen, zwischen Mann und Frau. 
Es gäbe sogar Menschen, die weder noch sind, sagst du, und du klingst angewidert.
Du schaust mich an.

Du bist enttäuscht von mir.
Nein, du sagst es nicht.

Ich sehe deinen Blick. 
Ich höre deinen Blick.

Ich bin das Gegenteil von dir.
Ich bin schüchtern.
Ich bin nicht schön.
Und ich war auch nie süß.
Du sagst, ich habe die schiefen Augen von meiner Großmutter geerbt.
Und den klumpigen Körperbau meines Vaters.
In Gesellschaft weiß ich nie, was ich sagen soll.
Mein Kopf wird rot, wenn mich jemand anspricht.
Du entschuldigst dich mit rollenden Augen bei deinen Freundinnen für mich.
Um danach dein strahlendstes Rote-Lippen-Lächeln zu zeigen.

In der Schule bin ich fleißig.
Ich bekomme gute Noten.
Die Lehrerin mag mich.
Sie sagt: "Brav ist sie! Im Unterricht fällt sie gar nicht auf."
Autsch.

Mein Fleiß ist Notwehr.
Es gibt ja sonst nichts, womit ich punkten kann.
Die anderen Kinder hänseln mich.
Wegen meines plumpen Körpers. 
Wegen meines Strebertums.
Mein Blick bleibt gesenkt.
Ich lerne noch mehr.

Du fragst mich, warum ich keine Freundin habe.
Ich zucke mit meinen Schultern.
Du sagst, dass Kinder Freunde brauchen.
Du seufzt.
Mit mir stimmt etwas nicht.
Eine Psychotherapeutin soll mich jetzt Freund-lich machen.

Ich verbringe immer mehr Zeit in meinem Zimmer.
Ich möchte dich nicht mit meiner Anwesenheit belasten.

Es scheint, als hättest du aufgegeben mit deinem "Projekt Tochter".
Nachdem du mechanisch-desinteressiert deine drei Fragen gestellt hast, widmest du dich deinem Telefon.
Das ist wenigestens spannend. Und hat etwas zu sagen.

So wie du gehe auch ich mir aus dem Weg.
Immer mehr.
Weil du recht hast.
Mit mir stimmt etwas nicht.

Ich habe mittlerweile aufgehört, in der Schule fleißig zu sein.
Du hast es nicht bemerkt.
Und die anderen hänseln mich trotzdem.

Die Anti-Depressiva machen mich nicht glücklicher.
Und auch nicht Freund-licher.
Sie machen mich müder.
Ich schlafe.
Ich wache auf.
Ich gehe vernebelt durch den Tag.
Und ich schlafe.
Das ist mir das liebste.
Schlafen.




Hilfe in Österreich lt. derstandart.at: 

Hilfe in Krisen

Für Menschen in Krisensituationen und deren Angehörige gibt es eine Reihe von Anlaufstellen. Unter suizid-praevention.gv.at findet man Notrufnummern und Erste Hilfe bei Suizidgedanken.

Telefonische Hilfe gibt es auch bei:

  • Psychiatrische Soforthilfe (0–24 Uhr): 01 / 313 30
  • Kriseninterventionszentrum (Mo–Fr 10–17 Uhr): 01 / 406 95 95, kriseninterventionszentrum.at
  • Rat und Hilfe bei Suizidgefahr: 0810 / 97 71 55
  • Sozialpsychiatrischer Notdienst: 01 / 310 87 79
  • Telefonseelsorge (0–24 Uhr, kostenlos): 142
  • Rat auf Draht (0–24 Uhr, für Kinder und Jugendliche): 147
  • Sorgentelefon für Kinder, Jugendliche und Erwachsene (Mo–Sa 14–18 Uhr, kostenlos): 0800 / 20 14 40
  • Gesprächs- und Verhaltenstipps: bittelebe.at

Pfiat enk und Hej då -
d' Birgit

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