23.07.23 - Unterschiedliche Bedürfnisse
"När vi upplever att våra behov och önskningar tas på allvar blir det mindre viktigt för oss att få rätt - och att få vår vilja igenom." / Jesper Juul
"Wenn wir erleben, dass unsere Bedürfnisse und Wünsche ernst genommen werden, wird es weniger wichtig für uns, Recht zu behalten - und unseren Willen durchzusetzen." / Jesper Juul
Jesper Juul hat zum Glück sehr viele Bücher geschrieben und noch viel mehr Vorträge gehalten und Interviews gegeben. So ist es uns möglich, an seinen Zugängen und Gedanken teilzuhaben, auch lange noch nach seinem Tod.
Er war einer der ganz Großen in der pädagogischen und der familientherapeutischen Szene.
Seine Ideen sind so umwälzend und revolutionär wie simpel und klar.
Zu dem oben genannten Zitat möchte ich gerne eine Geschichte erzählen.
Familienurlaub im schwedischen Lappland.
Berge.
Mehr brauchts nit, oder?
Die Reise war lang und anstrengend, dementsprechend erledigt waren wir am ersten Tag. Da sind uns das Regenwetter und die Kälte sehr entgegengekommen. Schlafen, lesen, spielen, essen, spazieren und ein Ausflug ins Nachbardorf, wo Ingemar Stenmark - für die älteren Schisportbegeisterten unter uns ein Begriff - aufgewachsen ist, um einen Kaffee zu trinken und das dortige Samen-Gschäftl zu besuchen.
Wir kamen mit einem älteren Herren ins Gespräch, ein Same seines Zeichens, mit einem unglaublich offenen, freundlichen Gesicht. Und wie das so ist mit Erwachsenen, die sich sympathisch sind, wir haben geredet und zugehört und geredet... Nicht gar so spannend für Max. Und als wir das Geschäft verlassen haben, bekam Max seine erste Krise.
"Wieso müssen wir immer etwas tun, wenn wir es doch einfach nur gemütlich haben wollen?"
"Wieso müsst ihr immer irgendwohin fahren?"
"Wieso können wir nicht einfach zu Hause bleiben?"
Tränen. Verzweiflung.
2. Tag.
Unser Erwachsenenplan: Auffi aufn Berg. Auffi aufn Gipfel.
Max' Plan: Ruhe. Zeit für sich. Zeit für Rollenspiele. Zeit drinnen.
Max' Wege, um seinen Plan zu verwirklichen: diskutieren, völliges Verzweifeltsein.
Na ge, Max.
Alle unsere Überredungskünste und Motivationstricks kamen zur Anwendung.
Schließlich waren wir oben. Und es war wunderbar. Für alle.
Danach war noch gut Zeit für Ruhe und fürs Drinnensein.
So, oder?
3. Tag.
Unser Erwachsenenplan: Auffi aufn Berg. Vielleicht nit zum Gipfel. Aber auffi auf jeden Fall.
Max' Plan: Ruhe. Zeit für sich. Zeit für Rollenspiele. Zeit drinnen.
Max' Wege, um seinen Plan zu verwirklichen: diskutieren, völliges Verzweifeltsein.
Na ge, Max.
Ok. Überreden. Motivieren.
Irgendwann waren wir tatsächlich unterwegs.
Und es war gut. Der Spaß war mit dabei und - ja, hat woll gepasst für alle, nit?
Am Abend sind Kalle und ich sind beinandergesessen und haben geplant.
Und plötzlich ist mir dieser obg. Satz von Jesper Juul eingefallen. Nicht als Methode, vielmehr als Fakt.
Wenn der Mensch wirklich so funktioniert wie oben beschrieben, dann heißt das ja...?
Und mir ist bewusst geworden, dass ich Max in seinem Bedürfnis nach Ruhe nicht ernst genommen habe.
Und mir ist bewusst geworden, dass er unglaublich kooperativ gewesen war. Er hat jeden Tag unser Erwachsenenbedürfnis vor sein Ruhebedürfnis gestellt.
Puh.
"Max, ich möchte mir dir reden."
"Was ist los?"
"Wegen morgen: Ich habe verstanden, dass du Zeit für dich brauchst und dass du Ruhe brauchst. Ich möchte dich und dein Bedürfnis gerne ernst nehmen. Deshalb haben Papa und ich einen Plan für morgen. Du darfst den ganzen Tag da bleiben in unserer Ferienwohnung und hast Zeit für das, was du tun möchtest. Weil wir aber das Bedürfnis nach Berg haben, ist am Vormittag der Papa bei dir und ich gehe auf den Berg, und am Nachmittag bin ich bei dir und der Papa geht auf den Berg."
Stille.
"Es ist schon gut, dass ihr mich ernst nehmt. Ich möchte aber mit dir und mit uns allen gemeinsam am Vormittag auf den Berg gehen. Weil ich möchte die Berge nicht versäumen."
Fertig.
Das wars.
Er musste nicht mehr kämpfen für das Befriedigen seines Bedürfnisses.
Damit wurde emotionaler Platz frei für das Bedürfnis nach Auf-dem-Berg-Sein.
Mit dem Empfinden dieses Bedürfnisses und dem anschließenden eigenständigen Priorisieren wurde die Entscheidung, mitzugehen, seine eigene.
Wollen statt sollen. Was für ein Unterschied!
Lieber Max, ich habe wieder viel gelernt von dir. Danke dir!
Und lieber Jesper Juul, danke für deine wertvollen Inspirationen!
Pfiat enk und Hej då -
d' Birgit
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| Atoklimpen - der heilige Berg der Samen |

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