31.07.23 - Wir alle sind anders
Es gibt in der USA das Angebot eines Camps für Kinder und Jugendliche, die stottern. Sein Name ist SAY, also SAG, und wurde ins Leben gerufen von einem Mann, der selber stottert.
Im schwedischen Fernsehen war eine Dokumentation davon zu sehen.
In diesem Camp ist das Ziel nicht, dass die Kinder weniger stottern bzw. aufhören zu stottern, es geht vielmehr darum, dass sie lernen, sich anzunehmen, wie sie sind, dass sie Raum dafür bekommen, ihre Trauer darüber auszudrücken, dass sie stottern und dass sie sich erleben als Teil einer Gruppe, deren Mitglieder alle dasselbe Thema haben.
Beim Anschauen derselben hat's mich ganz schön gebeutelt.
Dieses Mitleid aber auch diese Ungeduld in mir drin, wenn jemand versucht, ein Wort zu sagen, und es nicht schafft, und es immer noch nicht schafft, und es weiter versucht, und es nicht schafft, und dann wird es schlussendlich doch herausgepresst. Die damit verbundene Erleichterung. Und der Satz geht weiter. Und das nächste nicht zu sagende Wort ist nicht weit. Und krallt sich fest im Hals und auf der Zunge. Und es geht von vorne los.
Meine eigenen Gefühle sind fast nicht auszuhalten.
Ich schäme mich dafür.
Weil es geht auch um mich.
Beim Anschauen dieser Dokumentation werde ich von mir selber eingeholt oder überholt oder von mir aus auch überrollt.
Meine Brust zieht sich zusammen.
Der Atem wird gepresst.
Die Zunge wird wie ein großes, mit Zement vollgesogenes, unbewegliches Stück Fleisch, das den Mund ausfüllt, sich zu befreien versucht und endlich aus Angst erstarrt.
Eltern kommen zu Wort. Sie sagen, es gibt nichts schlimmeres für eine Mama / einen Papa, als sein Kind leiden zu sehen und ihm nicht helfen zu können.
Ein Vater kommt zu Wort und sagt, dass er möchte, dass seine Tochter aufhört zu stottern.
Ein Kind kommt zu Wort und sagt: Du weißt nicht, wie es ist, so leben zu müssen wie ich.
Der Leiter des Camps kommt zu Wort und sagt, dass die meisten Kinder und Jugendlichen eine Panzer um sich haben, indem sie sich verkriechen, und dass seine Ziel bzw. seine Motivation ist, das Leben dieser Kinder zu verändern.
Als Kind wurde ich behandelt von einer Logopädin. Ungefähr zwei Mal.
Als Jugendliche von einem Psychotherapeuten. Vielleicht 5 Mal.
Das Ziel war immer dasselbe: Nicht mehr zu stottern.
Die versteckte Botschaft war auch immer dieselbe: Wenn du nicht stotterst, bist du ok. Wenn du aber stotterst? Wohl eher nicht.
Man mutet den Zuhörenden natürlich schon ganz schön viel zu, wenn man stottert. Sie müssen mitansehen, wie sich das Gesicht der sprechenden Person verzieht, wie sie sich quält und malträtiert, nur um sich mitzuteilen. Und es dauert. Das halten die wenigsten aus.
Kinder, die stottern, werden immer leiser. Sie schämen sich. Sie machen keinen Unterschied zwischen ihrem Stottern und ihrer Person.
"Ich schäme mich für das Stottern." wird gleichgesetzt mit "Ich schäme mich für mich."
"Das Stottern ist peinlich." = "Ich bin peinlich."
Manche Lehrperson hat mich gar nicht mehr drangenommen, wenn ich etwas zu sagen hatte.
Viele wollten aus Rücksichtnahme mich nicht laut vorlesen lassen.
Andere Leute haben gemeint, ich solle mir Zeit lassen. So als wäre Zeit das gewesen, was ich gebraucht hätte.
Viele haben für mich die Sätze zu Ende geführt.
Es war beschämend.
Bei vielen Menschen wächst sich das Stottern aus.
Bei mir wars auch so.
Obwohl ich noch mitten im Nachbeben bin.
Meinen Namen gibt es immer nur mit meinem Nachnamen zuerst.
Und wenn es ums Umschreiben und ums In-Kurven-Sprechen geht, macht mir keiner was vor.
Aber: Ende gut, alles gut.
Ich möchte auf das Camp zurückkommen.
Das Ziel des Camps ist nicht, das Stottern zu reduzieren bzw. zu stoppen. Das geht nämlich gar nicht.
Das Ziel des Camps ist vielmehr, das Stottern zu akzeptieren. Also, sich selber zu akzeptieren. MIT dem Stottern.
Ja. Und?
DAS ist der Durchbruch, liebe Leute. Der absolute Durchbruch.
Das ist und das muss meiner Meinung nach die Essenz von Therapien und Unterstützungsmaßnahmen sein, die man auf Kinder ansetzt.
Das Ziel muss immer sein, es dem Kind mit sich selber leichter zu machen.
Das Kind zu stärken.
Und es darf niemals darum gehen, das Kind in seinem Wesen verändern zu wollen!
Um besser zu veranschaulichen, was ich meine, möchte ich hier gerne die gängige finnische Praxis skizzieren.
In unserer Kommune herrscht das Credo, dass, so bald man eine mögliche Entwicklungsverzögerung eines Kindes in den pädagogischen Einrichtungen wahrnimmt oder eine solche interpretiert, Unterstützung angesetzt werden muss.
Das übliche Prozedere:
- Beobachtung durch Erwachsene, die in der Einrichtung arbeiten
- Unterstützungsmaßnahmen wie verschiedene Methoden oder Experten, die sich Übungen für die betroffenen Kinder ausdenken
- wenn das nichts nützt: Versuch, eine Diagnose für das Kind zu bekommen
- Diagnose
- weitere Experten
- wenn nichts mehr geht: Medikamente
Dieses pädagogischen Vorgehen, also Unterstützungsmaßnahmen so schnell wie möglich, trägt man in unserer Kommune vor sich her wie der König seine Krone.
Klingt auf den ersten Blick gut. Oder?
Wer möchte schon nicht das Beste für sein Kind?!
Bei näherem Hinschauen wirds allerdings eng innen drin.
Hier ein paar Beispiele, selbst erlebt und erfahren in meiner pädagogischen Arbeit sowie in meinem nahen Umfeld:
- Ein Kind tut sich schwer, auf einem Bein zu springen? ➜ Physiotherapie
- Ein Kind ist bei Kindergarten- oder Schuleintritt schüchtern? ➜ Ergotherapie
- Ein Kind schenkt den Erwachsenen nicht ständig volle Aufmerksamkeit? ➜ Ergotherapie
- Ein Kind hat Unordnung in seiner Schulbank? ➜ Ergotherapie
- Ein Kind hat als Muttersprache Finnisch und macht im schwedischsprachigen Kindergarten schwedische Grammatikfehler? ➜ Logopädie
- Ein Kind ist nicht immer brav? ➜ AssistentIn, der / die neben dem Kind positioniert wird
Ich möchte festhalten, dass ich froh bin für die Möglichkeit unterschiedlicher Unterstützungssysteme. Es ist gut, die Kinder in ihrer Not nicht alleine zu lassen.
Festzuhalten ist auch, dass in diesen Beispielen diese Unterstützungsmaßnahmen den Eltern vorgeschlagen wurden und die schlussendliche Entscheidung von ebendiesen getroffen wurde.
Nur, welche Eltern stehen auf und sagen "Nein!", wenn ihnen gesagt wird, dass ihr Kind das braucht?
Ich habe mich viel mit der Entwicklung und den Bedürfnissen von Kindern auseinandergesetzt und bin zu dem Schluss gekommen, dass dieses Vorgehen absolut kontraproduktiv wirkt.
Ich möchte gern das Beispiel des Kindes mit der unordentlichen Schulbank näher anschauen.
Das Kind fetzt alles unter die Bank, sobald es mit dem Schultag fertig ist.
Dasselbe Kind findet während des Unterrichts nichts bzw. nur nach langem Suchen und Kramen.
Was erlebt das Kind, wenn man hier eine Ergotherapie ansetzt?
Es merkt, es ist das einzige, das entweder länger dableiben muss oder es ist das einzige, das aus der Gruppe herausgenommen wird, um mit einem erwachsenen Menschen, den es nicht kennt, gemeinsam verschiedene Übungen zu machen, die niemand sonst machen muss.
Das, was hier leider zwangsläufig passieren muss, ist, dass das Kind den Eindruck bekommt, dass mit ihm etwas nicht stimmt.
Und dass es anders sein muss, wenn es möchte, dass es als normal gesehen wird.
Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, so wie man ist, erzeugt unglaublichen Stress.
Wenn ein Kind Stress ausgesetzt wird, schaltet das Gehirn auf Stressmodus, also auf Überlebensmodus.
Damit erfährt es eine gleichzeitige Unterbrechung in der natürlichen Entwicklung.
Das Gehirn reagiert bei Stress wie bei Gefahr. Und was machen wir bei Gefahr?
Die Tierwelt, aus der wir kommen, zeigt es uns.
- Angriff / Aggression oder (freche Worte, sich verweigern, ungezogen sein oder Selbstaggression,...)
- Totstellen (versuchen, sich unsichtbar zu machen,...) oder
- Flucht (nach innen, also still werden, oder Flucht im wörtlichen Sinne, also weglaufen, sich im Klo einsperren,...)
Das Gehirn entscheidet entsprechend der Persönlichkeit.
Ich möchte festhalten: es geht um eine unordentliche Schulbank!
Um wieviel komplexer wird es dann, wenn Dinge an der Persönlichkeit therapiert werden sollen, wie Schüchternheit oder Stottern oder Ähnliches?
Das Gefühl unzureichend zu sein hat noch niemandem geholfen, sich auf die Hinterbeine zu stellen bzw. diese überhaupt einmal zu entwickeln.
Es gibt tatsächliche Entwicklungsverzögerungen. Und dann ist es wunderbar, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Therapie kein Fremdwort ist und in der es normal ist, diese anzuwenden.
Und dann gibt es die natürliche Entwicklung, die bei jedem Kind höchst individuell ist.
Oft braucht es KEINE Therapie.
Oft braucht es einfach Zeit, Nähe und Vertrauen.
Und mindestens eine Person, im Idealfall mehr, die es wagt, mit diesem Kind in Beziehung zu gehen. In aller Konsequenz.
Stell dir ein Kind vor, das stottert, und es darf das!
Stell dir ein Kind vor, das schüchtern (chaotisch,...) ist, und es darf das sein!
Stell dir ein Kind vor, das gerne sich selber zuhört, und es darf das!
Stell dir einen erwachsenen Menschen vor, der vor Freude hin- und herhüpft, während er von einem tollen Erlebnis erzählt, und keiner wundert sich!
Stell dir einen erwachsenen Menschen vor, der wagt, zu tun, wonach sein Innerstes verlangt, und keiner weiß es besser!
Stell dir einen erwachsenen Menschen vor, der liebt, wen er möchte, und keiner gibt seinen Senf dazu!
Stell dir eine iranische Gesellschaft vor, wo Frauen anziehen und weglassen dürfen, was sie wollen, und keiner dreht sich nach ihnen um!
Stell dir eine Familie vor, in der jedes Familienmitglied in seinem tiefsten Inneren akzeptiert und gewollt ist, und das ist das Normale.
So ungefähr stelle ich mir das Paradies vor.
Pfiat enk und Hej då -
d' Birgit

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