06.08.23 - Wesen, Mythen, Realitäten

Keiner kann mir erzählen, dass sie nichts spürt. Jetzt, wo sie da allein inmitten von vielen anderen auf diesem riesigen Parkplatz steht. Völlig verloren. Einsam. Sie kennt sich ja nicht aus. Sie hat ja keine Ahnung, warum sie plötzlich nicht mehr bei uns in unserem feinen, grünen Garten steht, direkt neben Max' Zimmer. Nicht, dass ich nicht versucht hätte, es ihr zu erklären. Aber ihr wisst ja, wie das mit Autos ist.
Ja. Richtig gelesen. Es handelt sich tatsächlich um mein Auto. Ich habe es gestern eingetauscht für ein neueres Modell. Es war halt schon sehr alt. Und gebrechlich. Und es ist deswegen mit den Jahren immer teurer geworden. 
Bei all dem Abschiedsschmerz - ich bin mit ihr zum Autohaus gefahren und habe sie dort geparkt - ist mir John Lennon eingefallen mit folgendem Zitat:
"Ich glaube an alles, bis das Gegenteil bewiesen ist. Deshalb glaube ich an Märchen, an Mythen, an Drachen. Alles existiert, auch wenn es in deiner Vorstellung ist. Wer sagt, dass Träume und Alpträume nicht so real sind wie das Hier und Jetzt?" 
Ich kann das bestätigen. Wenn ihr wüsstet, welche Gestalten sich in und um unser Haus tummeln...
Ich stelle euch gern einige von ihnen vor.
Da gibt es zum Beispiel den Totenkopfschwert. Er ist der gefürchtetste Pirat auf der ganzen Welt! Er ist allein auf seinem Schiff, weil es keiner mit ihm aushält. Er stiehlt alles mit Wert, am liebsten natürlich Gold, und kein Polizist kann ihm etwas anhaben. Sein Schiff ist das größte auf dem ganzen Meer. Sein Vater war Hackzahn (glaube ich). Auch ein ganz ein schrecklicher. Aber nichts im Vergleich zu seinem Sohn.
Draußen im Wald tummeln sich Drachen. Es gibt viele verschiedene Drachen, und wer es noch nicht weiß: Nicht alle Drachen speien Feuer. Das schreiben sie nur in den Märchen so. In Wirklichkeit können nur manche von ihnen Feuer speien, aber wenn, dann nur einmal im Jahr. Deshalb machen sie das nur im allergrößten Notfall. Es gibt Drachen, die sind klein wie Eidechsen. Und andere wieder sind groß wie Hochhäuser. Viele von ihnen können fliegen, manche schlängeln sich auf dem Boden dahin. Sie fressen meistens irgendwelche Tiere. Und einer von ihnen wohnt auf unserem Dachboden. 
In Max' Bett wohnt Rödorm (sprich: Rödurm). Er ist eine lange, grüne Stoffschlange, der Probleme mit den Farben hat. Er redet nur dann mit Max, wenn Papaabend ist. Er hat Angst vor Frauen und glaubt, dass Max blau ist. Deshalb nennt er ihn blåpojke (Blaubub). Er liebt Ratten und hat einen besten Freund, der Längsle heißt. Der sagt immer L statt R. Vielleicht heißt er also in echt ganz anders. Das weiß niemand so genau.
In unserem Badezimmer treffen sich manchmal Sonne und Wind und besprechen alles vom Universum bis hin zu den Geschehnissen auf der Erde oder in unserem Haus. Die Sonne ist ein bisschen gschaftig, weil sie ja alles sieht und überall ist, der Wind hingegen ist wild und ungestüm. Sie haben sich zum Glück bereits ein bisschen angenähert und langsam machen sie die Welt richtig fein für alle, die darauf und darin leben.
In unserer Garage gibt es den Schwarzen Luchs, der nur ausschaut wie ein oranges Fahrrad. Ein richtiger Draufgänger, der mit Max zusammen die wildesten Abenteuer erlebt.
Das waren nur einige der zahllosen Kreaturen und Wesen, mit denen wir unser Leben teilen. Und die sind absolut real. Zumindest für den einen oder anderen von uns. Die unterschiedlichen Realitäten existieren nebeneinander. Einmal befindet wir uns in dieser, dann wieder jener Realität. Der Sprung zwischen ihnen fällt nicht schwer. Und nie, niemals würde ich behaupten, dass die eine Realität realer ist als die andere. 
Wer möchte also immer noch darauf bestehen, dass mein liebes Autole nichts gespürt hat? Und mich nicht gehört hat? Und nicht mit mir emotional verbunden war?
Eben.
Pfiat enk und Hej då -
d' Birgit
Willkommen bei uns, meine Hübsche 😃!



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