13.08.23 - Eine ganz normale Schule

Susi wacht auf. Heute ist ein ganz normaler Wochentag. Schultag.
Sie steht auf, hat Morgenkuscheln mit Mama und Papa, nimmt das Frühstück zu sich und macht sich zurecht für die Schule. 
Sie geht gern in die Schule.
Sie möchte heute gerne das Thema Raketen durchmachen. Sie hat ein Buch über Raumfahrt bei Felix, ihrem Freund, gesehen. Die Bilder haben sie fasziniert. Gemeinsam haben sie ein bisschen gelesen. Und ihre Phantasie hat wunderbare Gefühle in ihr freigemalt. Vielleicht wird sie Astronautin? Vielleicht aber auch Universumsexpertin. Auf jeden Fall aber möchte sie mehr von Raumschiffen wissen. 

Sie geht in die Schule. Dort warten bereits ein paar Kinder auf sie und sie springen gemeinsam im Garten herum, in dem wildes Wachsen ebenso wie Wiese, Teich und Spielgeräte sein dürfen. Als die Schulglocke läutet, treffen sie sich in ihrem gemütlichen Besprechungszimmer. Am Anfang des Schuljahres haben sie es gemeinsam gestaltet. Es gibt viele Teppiche, die Wände sind in warmen Farben gehalten. Die Arbeitsmaterialien sind leicht zugänglich und werden von der Lehrerin immer wieder ausgetauscht und aktualisiert. Die Tische sind in Kreisform aufgestellt und auf jedem Platz steht ein Glas. Man darf sich Saft oder Wasser nehmen. Eine Schüssel mit frischen Äpfel lädt ein zu einem zweiten Frühstück. Die Lehrerin hat ihre dampfende Kaffeetasse bereits vor sich auf dem Tisch stehen. Ihre Augen sind noch ein bisschen müde und sie lächelt freundlich.
Susi mag ihre Lehrerin. Ihr Sein mit den Kindern ist geprägt von Respekt, Zuwendung und Humor.
Bei der Morgenbesprechung darf jedes Kind sagen, wie es ihm geht, was es beschäftigt und was es sich für heute vorgenommen hat. Wenn ein Kind keine Idee hat, dann überlegt die Lehrerin mit ihm gemeinsam nach der Gruppenbesprechung im 2-Augen-Gespräch, was der nächste Schritt für es sein könnte. Als Orientierungspunkt oder Inspiration dient immer das, womit das Herz des Kindes gerade beschäftigt ist. 
Die Kinder dürfen sich das Arbeitssetting ebenso frei aussuchen wie den Arbeitsort. Bei Bedarf gibt die Lehrerin Input und sie steht zur Verfügung, wenn sie gebraucht wird.

In dieser Schule übernehmen die Kinder selber Verantwortung für ihr Lernen. Es wird ihnen zu Beginn des Schuljahres mitgeteilt, wo die Reise hingeht, also was im Lehrplan steht und welche Qualifikationen sie sich aneignen sollen. Sie entscheiden aber selber über das Wann und das Wie. Und sie holen sich aktiv Unterstützung, wenn diese gebraucht wird.
In dieser Schule übernehmen die Lehrpersonen selber die Verantwortung für ihr eigenes Wohlbefinden und für die Qualität des Miteinanders.
Es gibt keine Benotung und auch kein Zeugnis. Stattdessen gibt es ein monatliches Reflexionsgespräch und eine professionelle Feedbackrunde, jeweils im 2er-Gespräch zwischen Lehrerin und SchülerIn.
Die Kinder und deren Leistungen werden immer nur mit sich selber und dem eigenen Lernverlauf verglichen, nie mit dem Lehrplan oder mit dem/r Klassenbesten.
Wie lange sich die Kinder mit einem Thema oder mit einem bestimmten Tun beschäftigen, bestimmt nicht die Glocke, sondern das Kind selber. 
Die Erwachsenen in dieser Schule wissen, dass Lernen in der Natur der Kinder liegt. Kinder lernen vom ersten Moment ihres Lebens an. Ganz von selber. Immer. In jedem Augenblick. Deshalb kämen die Erwachsenen hier nie auf die Idee, den Kindern zu unterstellen, dass sie nicht lernen würden, wenn man sie einfach tun ließe. Ganz im Gegenteil. Freiheit wird als hohes Gut gehandhabt.
Es gibt grundsätzliche Regeln, aber diese sind nie wichtiger als die Menschen. Der Fokus liegt auf gleichwürdiger Beziehung. Somit verlieren die Regeln ihre gesetzlichen Charakter.
Die Lehrerin steht nicht oben und die Kinder stehen nicht unten. Altersunabhängig haben alle Menschen in dieser Schule die gleiche Würde und begegnen einander auf Augenhöhe.
Angst und Einschüchterungen haben an dieser Schule keinen Platz. Das Klima ist geprägt von gegenseitigem Respekt.
Frei nach Gerald Hüther kann man nicht jemandem etwas lehren, weil das Lernen immer ein innerer Prozess ist und somit selber getan werden muss. Das weiß man an dieser Schule. Und deshalb werden die Kinder statt belehrt inspiriert, eingeladen und ermutigt, sich Neuem zu stellen und sich dieses anzueignen.
Und das Beste: Ganz oben auf der Agenda steht das wunderbare Wort "Potentialentfaltung".

Susi braucht keine Angst zu haben vor Mobbing oder Bloßstellung.
Sie weiß, was sie kann und sie weiß, was sie noch lernen möchte.
Und sie hat ein lebendiges Leben auch außerhalb der Schule.
Sie hat Glück gehabt.
Sie hat aber auch Pech.
Denn diese Schule und sie selber gibt es nicht. Schade!

Nichts desto trotz: So wünsche ich mir Schule!

Ich bin der Meinung, dass es in der Verantwortung von uns Erwachsenen liegt, die Vergangenheitsverliebtheit der Schule der Gegenwart und vor allem der Zukunft anzupassen. Wir brauchen den Mut, zu hinterfragen und zu gestalten.
Das, was die Kinder in der Schule lernen, hat leider immer noch viel zu selten etwas zu tun mit ihrer Lebenswirklichkeit und mit den Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert sind und sein werden.
Unsere Kinder haben ein Recht auf einen menschenfreundlichen, wohlmeinenden Ort, der es gut mit ihnen meint und der es ihnen ermöglicht, sich angstfrei auszuprobieren und sich auf Neues einzulassen.

In diesem Sinne: Schönen Schulstart, lieber Max und all ihr anderen wunderbaren Kinder!
Möge die Freude mit euch sein 😃!

Pfiat enk und Hej då -
d' Birgit





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