16.09.23 - Offene Augen und große Gefühle

"Ab jetzt esse ich keine Tiere mehr!" 
Max baut sich vor mir in der Küche auf, die Hände in die Hüften gestützt und der Blick bestimmt und klar, als ich aus dem Badezimmer komme, bereit für unseren Ausflug nach Österö.

"Wow, Max, das ist ja interessant. Erzähl! Wie kommst du zu diesem Entschluss?" frage ich, während ich meine Geldtasche und den Autoschlüssel suche.

"Ich möchte keine toten Tiere essen. Ich möchte nicht, dass ein Tier wegen mir umgebracht wird." 

Ich war viele Jahre lang selber Vegetarierin. Mit dem Alter weicht die Strenge ein bisschen aus meinem Ansinnen, aber grundsätzlich ist das natürlich immer noch meine Linie und ich hege große Sympathien für alle, die kein Fleisch essen. Bei mir und bei uns rennt er also offene Türen ein.

Als Max auf die Welt gekommen ist, war ich noch streng überzeugte Vegetarierin. Für mich war aber  trotzdem immer klar, dass er Fleisch essen darf und soll, wenn er das möchte. Da ich selber höchst allergisch auf jeden Versuch meiner Mitmenschen reagiere, mich zu bekehren, sei es nun politischer, religiöser oder anderwertiger Natur, halte ich mich auch fern von solchen unwürdigen Unterfangen. 
Max hat Fleisch geliebt. Fleisch, Wurst und alles, was eben so aus toten Tieren hergestellt wird. 

Mit den Jahren wurde ihm die Natur mit all ihren innewohnenden Lebewesen immer wichtiger und wichtiger. Hat er anfangs noch die Jäger, die hier alljährlich zu Herbstzeiten die finnischen Wälder und Wege bevölkern, bewundert, so findet er dieselben jetzt ganz, ganz schlimm. 
Er lernt sehr viel über die Zusammenhänge der Natur aus Büchern und YouTube-Dokumentationen und mit dem Wissen wächst seine Empathie. 
Es fallen Tränen, wenn Menschen Bäume fällen.
Der Zorn steigt ins Gemüt, wenn Müll herumliegt.
Das Herz wird leichter, wenn die Vögel singen.
Und dieser Genuss bei jeder Blau- und Erd- und Him- und Moltebeere! 
Die Natur verursacht Staunen, Schaudern, Freude, Empathie, Liebe, Angst, Trauer - die ganze Gefühlspalette wird bedient. Und erfahrbar gemacht.

Auf dem Weg zu unserem Ausflugsziel - es wird ein Dorfmarkt auf der letzten von unseren Inseln veranstaltet - ist Max ganz böse mit uns. 
"Ihr mögt die Natur viel weniger als ich. Ihr fahrt ja mit dem Auto. Und das Auto ist schlecht für die Umwelt."
"Papa. Nimm bitte den Angelhaken von meiner Angel. Ab jetzt fische ich nur mehr Gedanken."
"Die Tiere sind viel gescheiter als die Menschen. Die nehmen nur, was sie brauchen zum Überleben. Menschen nehmen viel, viel mehr. Und machen dadurch alles kaputt."

Max' Reaktionen sind die natürlichen Reaktionen eines mitfühlenden Wesen, welches Anteil nimmt am Leid aller anderen Wesen. Also uns angeborene Reaktionen (Empathie ist Dank der Spiegelneuronen im Gehirn der Menschen "eingebaut"), die uns das So-Weitertun-wie-Bisher natürlich verbieten würden.
Wie tut man also, wenn man sich des Unrechts und des Wahnsinns, der da eigentlich passiert, bewusst ist und trotzdem gut weiterleben will?
Ja. Genau. Man sondert die Realität ab. 
Das Leid der Welt und aller Wesen wird geistig erfasst, aber nicht mehr erfahren und erspürt. 
So wird das Schnitzel auf dem Teller vor uns nicht als das wahrgenommen, was es ist, nämlich als Teil einer tierischen Leiche, sondern zu einem Ding, das völlig unabhängig von Tieren existiert und gut schmeckt. 
"Living is easy with eyes closed..."
Es ist keine Böswilligkeit, sondern purer Selbstschutz. 

Max hingegen haut sich rein. Kopfüber. Mit offenen Augen und ganzem Herzen. 
Und taucht ein. 
Und spürt.
Erspürt das Leid, das wir Menschen all den anderen Lebewesen und damit auch uns selbst zufügen.
Das macht ihn so zornig.
Und er hinterfragt.
Und ändert.
Und fordert.
Und stellt mit seiner kindlichen Bestimmtheit und seinen Fragen auch mich und mein Tun in Frage.

Danke dafür, mein Lieber.
Und danke, dass du dich nicht hinter irgendwelchen billigen Beteuerungen versteckst.
Du machst mir Mut!
Und forderst mich ganz schön heraus.

Pfiat enk und Hej då -
d' Birgit

Max mit gefundenem Müll auf dem Gepäckträger. Danke N. für das wunderbare Foto!


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